
konzert, electro/rock/pop
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€ 10/5
Station 17 wurde bereits vor 18 Jahren von Initiator Kai Boysen zusammen mit »behinderten« und »nicht behinderten« Musikern in Hamburg gegründet. In den 90er Jahren kam es zur Zusammenarbeit mit Produzenten wie Holger Czukay (Can), F M Einheit (Einstürzende Neubauten), Thomas Fehlmann (Kompakt, ehem. Palais Schaumburg, The Orb) oder DJ Koze und Cosmic DJ (Fischmob, International Pony). Und dass nicht nur zur Freude des interessierten Feuilletons, wie sich schnell herausstellte.
Denn soviel ist klar: statt um Gutmenschen-Gestus geht es bei Station 17 nach wie vor um Musik, um die stetige Neuformulierung einer sehr eigenen Soundästhetik.
Mit Mikroprofessor legen die Hamburger nach zahllosen Tourneen und Nebenprojekten ihr fünftes Studioalbum vor, dessen musikalische Schwerkraft einmal mehr neue Soundumlaufbahnen in ihren Mittelpunkt zieht und nun auf dem eigens gegründeten Label 17rec. im Vertrieb von Neuton erscheint.
Was auf ihrem 2001er Remixalbum »Hitparade« noch hinter den Reservoir-Dogs-Sonnenbrillen verschmitzt hervorlugte, schillert auf Mikroprofessor nun in entwaffnender Selbstverständlichkeit: Station 17 erklimmen den Dancefloor und entern den Club.
Mit dem Opener »Nadine« eröffnen Station 17 ihren semidigitalen 4/4-Reigen. Verträumte Klangwelten betten subtil-verschrobenen Gesang auf sonnige Beats: »Nadine, du bist meine beste Freundin, du bist immer bei mir«. Dass »Nadine« der Name eines Kopfkissens ist, weiß allerdings nur Sänger Dennis Seidel.
Mit elektronischen Produktionsmitteln geht es weiter in den basspumpenden »Fahrstuhl«, um im späteren Verlauf des Albums die »Grüne Linie« der Hamburger S-Bahn auf ihre Tanzbarkeit zu testen. Zwischen Playstation, Boxring und Meditationen über das ›Cogito ergo sum‹ schlängeln sich mal dadaistisch geniale, mal humorvoll einfache Lyrics durch Hamburger Schnack und Alltagssprachschnipsel.
Im »Sportstück« geht es zünftig in den Boxring, bevor auf »Fahrensehn« beabsichtige und unbeabsichtigte Kraftwerkzitate von der »Autobahn« grüßen.
Von euphorischen Ravefanfaren begleitet schwingt sich »Ich bin ja« durch hedonistische Minimal-Grooves: »Ich bin, ich bin ja! Groß, stark, schön.«
Musikalisch was auf’s Auge gibt’s schließlich in dem furiosem »Bademeister«, der bereits live auf Seetüchtigkeit getestet wurde. Was zunächst als elektrifizierte Ode an den Bademeister daherkommt (Bademeister-Hänseln gehört neben Umkleidekabinenverzieren einfach zu den unterhaltsamsten Schwimmbadspielchen), entpuppt sich am Ende als handfestes Gitarrengewitter. Als Produzenten von »Mikroprofessor« zeichnen verantwortlich: Nils Kacirek (ex Plexiq, Sonnenseite Studios und Station 17 Bassist der letzten Jahre), Harre Kühnast (»Click«-Betreiber, DJ und langjähriger Station 17 Drummer), Christian Mevs (»Slime«-Gründungsmitglied) sowie Christian Fleck (»Das wissenschaftliche Orchester«).
Zu den Textern und Vokalisten gehören Dennis Seidel, Thorsten Nürnberger, Andreas Lehrke, Carl- Heinz Hille, Hans-Jürgen Witt, Wolfgang Kiebach, Birgit Hohnen, Paul Preisser und Hoss Becker. Außerdem mit dabei - Kai Fischer - der nach dem Ende von »Echt« bei Station 17 Zivildienst geleistet hat und weiterhin die Band als Gitarrist unterstüzt.
Obwohl bei Station 17 eine gewisse Bandmember-Fluktuation genauso gute Tradition wie Ergebnis eines offenen Musikkonzeptes ist, funkelt auf Mikroprofessor eine sehr klare Handschrift durch. Sicherlich, die kollektive Studioimprovisation und der intendierte Zufall prägen in Can’scher Manier zwar nach wie vor die Grundsituation vieler Station 17-Tracks.
Da aber Endlos-Sessions, Bongotrommeln und wallendes Haupthaar so funky wie Socken in Sandalen sind, wohnt der Can’sche Laborgeist bei Station 17 schon lange auf der Festplatte. Dank digitaler Vor- und Nachbearbeitung der Tracks verlieren solch überkommene Gegensätze wie Improvisation-Konzept oder Mensch-Maschine ihre Eindeutigkeit, schreibt sich die Reproduktion jeweils neu in die Produktion ein.
Mal entwischen die eingespielten Vocals den House- und Broken-Beats, mal gehen sie taktische Bündnisse mit Raveflächen, Synthiebässen und Keyboard-Loops ein, oder verweben zuckende Electronica-Clicks zu kleinen Geschichten.
Vielschichtig hörbar und gleichzeitig: In your Face. Eben Tanzmusik. Oder elektronische ›Musik zur Zeit‹ – ganz wie man will.