pressemeldung
Eröffnung
18.11.06 22:00
bericht zur eröffnung
Barrierefreies Ideensurfen
Am Wochenende startet mit „sparte4“ die neue Plattform des Saar-Staatstheaters An vielen Theatern sucht man neue Wege, um junges Publikum zu gewinnen, setzt auf Werkstattbühnen, Foren und Plattformen, die sich jenseits etablierter Ästhetiken bewegen und den Nerv der Zeit treffen wollen. Auch das Staatstheater geht nun diesen Weg – mit der am Wochenende startenden „sparte4“, die eine Lücke schließt und ein vielversprechendes Konzept auflegt.
Von SZ-Redakteur Christoph Schreiner
Saarbrücken. Der Anfang ist Programm. Dass „sparte4“ am Wochenende mit Falk Richters „Unter Eis“ und Karla Ernsts „Die schlechteste Show der Welt“ loslegt, zeigt, was dieses neue ästhetische Laboratorium des Staatstheaters will: zeitgemäß und unbequem sein. Formal wie inhaltlich. Also springt man hinein mit zwei Stücken, von denen das erste die auf der Profiteursseite der Arbeitswelt zeigt – Unternehmensberater – und das zweite die auf der Ausmusterungsseite – Hartz-IV-Schauspieler. Spricht man eine Weile mit Christoph Diem, künstlerischer Leiter dieser neuen „Plattform für Handgemachtes“, wird klar: Man würde ihrem Anspruch nicht gerecht, reduzierte man sie darauf, dass ein nun weniger staatstragend beflaggtes „Mutterschiff“ SST damit einen Ort für Unfertiges, für Improvisation sucht. Diem will mit „sparte4“ nicht als Publikums-Rekrutierungsbasis fürs Theater herhalten. Als „Nebeneffekt“ nehme man das zwar gerne mit. „Aber wir fischen nicht nach Publikum.“ Umso überzeugender spekuliert er auf die Neugierde der Leute. Ohne wem hinterherlaufen zu wollen, weil das sowieso nicht funktioniere. Was Diem – 36, groß geworden in Oberschwaben, Regiestudium in Hamburg, nach zwei Wanderjahren dann zuletzt fünf Jahre lang in Konstanz – aber will, ist, „eine bestimmte Ästhetik, einen bestimmten Humor anzubieten“. In Konstanz, wo er das Konzept von „sparte4“ drei Jahre lang erprobt hat, war die Resonanz groß. Man habe immer wieder Leute ausgesperrt – die Nachfrage sprengte das Platzangebot. In Saarbrücken ist das Projekt Diems [...] mit einer halben Dramaturgenstelle am SST angedockt, als Spielstätte für 99 Leute angelegt. Mehr lässt die Baupolizei in dem Seitentrakt des alten Garelly-Komplexes vis à vis von Ludwigsplatz und Kunsthochschule nicht zu. Lange hat Diem gesucht, ehe er hier fündig wurde. Der Ort passte: niedrige Mieten; eine ebenso kühle wie intime Industriekulisse; ein konsequent nicht-aufgehübschter Raum, der Bar, Bühne und offenes Besucherfeld in einem ist und per Filmprojektion immer anders illuminiert wird; eine Als-Ob-Urbanität beim Blick hinaus auf die vierspurige Kreuzung. Mag sein, dass das Nauwieserviertel als Hort einer Subkultur im Kleinformat prädestiniert gewesen wäre als Heimstätte – für Diem war das Viertel nicht nur zu teuer, sondern eben auch zu naheliegend. In einer Stadt wie Saarbrücken, wo mancher es schon als Zumutung begreift, wenn er als Kulturkonsument die Saar überqueren muss, gilt ein Ort wie die neue Theater-Dependance bisweilen schon als weit ab vom Schuss. „Die Leute über den Fluss zu kriegen“, nennt Gregor Wickert, Bühnenbildner und zuständig fürdas Raumkonzept von „sparte4“, denn auch eine Aufgabe.
Ein Blick auf die Community- getriebene, gut gemachte Webseite zeigt neben viel Ermutigung, dass der SST-Vorstoß auch auf Vorbehalte stößt. Die Kritik: „sparte4“ sei subventionierte Club-Kultur, die der privaten Konkurrenz das Leben schwer machen könne. Der Webauftritt illustriert den Projekt-Geist: Polaroids, großgeschriebene Kleinschreibung, Umgangston statt Intellektuellenprosa. Das Handgemachte soll zum Anfassen sein. Und man selber offen. Bestes Beispiel dafür ist, dass die Künstler, die auftreten, hinterher bleiben und man miteinander ein Bier trinken und reden kann. Draußen bleiben müssen, so Diem, Kabarett, Kleinkunst, Liederabende.
Statt dessen: Themenabende mit DJ und Tanz (,,klubheim“), Auftritte leiser Musik-Handwerker (,,uneingesteckt“), „poeterei, aber kein slam“ (,,wort, laut“) und, und.
Unterm Strich ergibt das Barrierefreiheit, Unberechenbares, gezielte unschärfen, spielerisches Surfen auf Ideen.
sz 16.11.06