Suche

Inhaltsbereich

szenisches treiben
bambiland
13.02.07 21:00

radiokritik

Elfriede Jelinek „Bambiland“ in der sparte4
Schlag auf Schlag geht’s weiter in der Reihe der Premieren in der „sparte4“, in dem neuen Theaterraum, den das Staatstheater auf der „anderen Saarseite“, sprich an der Eisenbahn- Ecke Stengelstraße aufgemacht hat. Nach „Tanzen“ hatte gestern ein Stück von Elfriede Jelinek Premiere. Thema: der Irak-Krieg. Titel: „Bambiland“. Die zweite Inszenierung von Dagmar Schlingmann, der Generalintendantin des Staatstheaters, für die sparte4.

Sie hat es schon für das Theater Konstanz (wo sie herkommt) produziert, aber Anke Schaefer meint: Gut, dass es jetzt auch hier zu sehen ist!

Eine massives Sprachgewitter ist’s, das da eine Stunde und 20 Minuten über uns herunter prasselt. Fünf Frauen kommen rein, bringen sich jede einen dieser großen Sandsäcke mit, die in der sparte4 als Sitzgelegenheit dienen, suchen sich einen Platz im Publikum und dann legen sie los. Erklären uns, wie das alles ist (bzw. war) mit dem Irak-Krieg. Präsident Bush setzen diese Frauen mal eben mit Gott gleich. Und ist doch klar, dass so ein gut eingeölter, frischer Tomahawk-Marschflugkörper doch wohl mit mehr Liebe hergestellt wurde, als ein Mensch!? Solche Fragen stellen sie in den Raum. Die Fünf, das sind Carolin Maiwald (sie ist zu Gast hier, die vier anderen Schauspielerinnen gehören zum Ensemble), Eva Brunner, Gertrud Kohl, Saskia Petzold und Melanie von Sass. Generalintendantin Dagmar Schlingmann setzt zu Recht völlig auf das Können dieser fünf. Sie lässt sie Satz an Satz fügen, sich wundern, aufregen, rasseln, rasen, schreien und manchmal darf es auch kurz ganz seltsam still werden.

„Wartainment“ – so heißen nicht nur Computerspiele, in denen die Soldaten das Krieg-Führen lernen sollen, so nennt auch der Mini-Programmzettel der sparte4 durchaus treffend beschreibend dieses Stück von Elfriede Jelinek. Die zählt die Absurditäten des Irak-Krieges zusammen, tut eigentlich gar nicht viel dazu und siehe da, es entsteht: Witz. Wenn auch trauriger Witz. Ist es denn womöglich gar nicht so schlecht, die Soldaten in den Sand und in den Sandsturm zu schicken, denn dann sind sie wenigstens weg von "der Straße"!? Und ist es denn ein Wunder, wenn die Geschosse den Gegner nicht treffen, wenn dieser Gegner einfach nicht dort ist, wo er sein sollte!? Und ist es nicht wirklich eigentlich komisch, dass den Amerikanern keiner folgt, denn sie (sprich „wir“!) sind doch die Guten?! Dann und wann nimmt Jelinek in ihrem Text Anleihen bei dem großen griechischen Dramatiker Aischylos und den „Persern“, - so dass klar wird, dies ist nur einer von vielen Kriegen, nur eine Schlacht von tausend Schlachten. Von der Antike bis heute.

„Sehr zu empfehlen!“
„Bambiland“ war eine von bislang sechs Premieren in der sparte4 – vielleicht ist dies die Inszenierung, die am allerbesten in diesen nackten Laborraum mit den Kinosesseln und den Sand-Sitzsäcken passt. Weil diese fünf grandiosen Schauspielerinnen einfach so dasitzen, so dastehen, als wären sie kurz hier reingeschneit, gekommen, um mal eben sehr perfekt dieses Sprachgewitter über uns niedergehen zu lassen. Sich dem auszusetzen ist sehr zu empfehlen.

Ein Beitrag von: Anke Schaefer, sr2kultur, 14.2.07

schauspiel von elfriede jelinek

regie dagmar schlingmann

ausstattung isabelle kittnar

mit eva brunner, gertrud kohl, carolin maiwald, saskia petzold, melanie von sass

was haben sie uns nicht alles erzählt, die zu recht gescholtenen medien, im zusammenhang mit dem einmarsch us-amerikanischer und englischer soldaten in den irak, über saddam (+), über intelligente waffensysteme, über massenvernichtungswaffen, über einen wenige wochen dauernden kurzkrieg. lügen, verzerrungen, halbinformationen, videospiele, eingebettete journalisten, nachtsichtflimmern. die reihe an bizarrem unfug ist schier endlos, weshalb es auch formal absolut entsprechend ist, diesen unfug in form einer textfläche, einer wortkaskade über dem geneigten gast auszukippen. und keine beherrscht die textfläche besser, als die literatur-nobelpreisträgerin elfriede jelinek.

dieser krieg ist noch lange nicht vorbei.

 
 
 

Rechter Inhaltsbereich