theater
Mit Merten Schroedter
Regie: Jörg Wesemüller
Ausstattung: Mathieu Turken
€ 8/4
„Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheueren Ungeziefer verwandelt. Er lag auf seinem panzerartig harten Rücken und sah, wenn er den Kopf ein wenig hob, seinen gewölbten, braunen, von bogenförmigen Versteifungen geteilten Bauch, auf dessen Höhe sich die Bettdecke, zum gänzlichen Niedergleiten bereit, kaum noch erhalten konnte. Seine vielen, im Vergleich zu seinem sonstigen Umfang kläglich dünnen Beine flimmerten ihm hilflos vor den Augen...“
So beginnt Kafkas bizarre Erzählung „Die Verwandlung“ – ein moderner Klassiker in der sparte4.
Saarbrücker Zeitung, 17./18.11.07
Kafka gegen seine Liebhaber verteidigt
Premiere in der Sparte 4: "Die Verwandlung" in der Regie von Jörg Wesemüller
Saarbrücken. Es gehört zu den wohl größten Missverständnissen, Franz Kafkas Werk als durchweg düster zu betrachten. Welch‘ deftige Ironie und bisweilen schräge Komik darin steckt, zeigte die Bearbeitung der Erzählung "Die Verwandlung" für die Sparte 4 in der Regie von Jörg Wesemüller. Wie man Kafka gegen seine Liebhaber verteidigt und dabei den Text zwischen Tragik und Komik schillern lässt, verdankte dabei vor allem Spiel von Merten Schroedter. Rund 90 Minuten die Spannung hochhalten, war ein Kraftakt, den er aufs Beste meisterte.
Kafkas in dieser Erzählung gestellte Frage "Was wäre, wenn einer sich seiner Pflichten verweigerte" bediente dich dabei dem Bild des Käfers, des Ungeziefers. Das verlangte des schlimmen Endes zum Trotz nicht nach einem Schwächling oder Aushilfsmärtyrer. Es brauchte einen, der sich dieser Herausforderung stellt. Merten Schroedter verkörperte diesen zum Käfer verwandelten Vertreter Gregor Samsa und ging mit ihm durch alle Ton- und Gefühlslagen: Krächzend, bewusst komisch, distanziert ironisch, dann wieder jenseits all‘ dessen, resigniert und traurig durch die private Hölle seinem Ende entgegen. Doch war Sprechen das Eine in der notwendigen gestrafften und von Nebenhandlung befreiten Erzählung. Das Andere war das akrobatische Spiel Schroedters als ungelenkes in die Starre treibendes Insekt.
Ein Ledersofa auf leerer Bühne (Ausstattung: Mathieu Turken) war einziges Requisit, der Rest war Projektion eines Zimmers auf eine Leinwand. Ein aufgestellter Hemdkragen verwandelt die Schattenfigur des Spielers zum Insekt. Lichtbahnen flirren vorüber, Türen öffnen und schließen. Am Ende das Gesicht durch das Halbdunkel verformt. Das ist nur folgerichtig, weil alles im letzten, so ein Kafka-Wort, ein Spiel ist.
sg